Troll sein

Gelegentlich ist es mir so vorgekommen, als sei ich ein Troll. Oder mehr so: Als könnten die anderen mich für einen Troll halten. Ich selbst fühlte mich nie wie ein Troll, und ich finde auch nicht, dass ich absicht- oder wissentlich provoziere.

Gerade habe ich aufgebracht einen Eintrag ins fon.com-Forum geschrieben, weil ich mich von einer Mitteilung seitens fon.com ungerecht behandelt fühlte. Dann habe ich darüber nachgedacht. Und ihn wieder gelöscht:

//xkcd.com/481/

(CC) BY-NC 2.5 Randall Munroe; http://xkcd.com/481/

Wie könnte die Diskussion sich entspinnen? Ich schreibe, aufgebracht. Vielleicht fühlt sich nun dadurch jemand angegriffen — sich selbst oder einen Wert, den ersiees vertritt –, fühlt sich persönlich angegriffen, erkennt dies ebenso wenig wie ich das auf den ersten Blick erkannt habe, und ’schießt’ zurück. — Persönliche Kritik führt praktisch nie zu einem guten Ergebnis in einem Konflikt.

Ich war aufgebracht. „Mag sein, dass ich Dinge nicht zu 100,00 Prozent richtig wiedergegeben habe…“ — In dem Moment, da ich aufgebracht schreibe, halte ich diese anderen Dinge allesamt für nachrangig. Wichtig ist, für mich, der sich da wie ein Choleriker aufführt, da nur eins: Rauszuschreien, dass mir jemand etwas Unrechtes getan hat. — Jetzt, im Rückblick, finde ich dazu: Oh, wie kindlich! (Da pflichte mir jetzt bitte keiner bei, sonst fühle ich mich persönlich angegriffen; ;) ich selbst darf das, schließlich kritisiere ich niemanden anderen als mich selbst.)

„Mag sein, dass ich Dinge nicht zu 100,00 Prozent richtig wiedergegeben habe…“ — aber für die Gegenseite sind diese — oder einige dieser — Punkte wichtig. Und die werden sie verteidigen. Schlimmstenfalls verursache ich dadurch, dass ich in meiner Beschwerde alles ‘Nachrangige’ rücksichtslos beiseite schiebe — und dabei (zu?) ungenau bin –, dass jemand auf der Gegenseite sich ungerecht behandelt fühlt und — schlimmer noch — genauso unreflektiert..unreif reagiert (!) wie ich. Ergebnis dürfte dann einer der berüchtigten Flame Wars sein — eine Schimpf-Schlacht.

Vielleicht tritt dieser schlimmste anzunehmende kommunikative Unfall aber auch nicht ein. Dann ist immer noch wahrscheinlich, dass wenigstens einer sich daran macht, mir entgegen zu halten, dass ich bei X oder bei Y Unrecht habe — irgendeine dieser „Kleinigkeiten“, bei denen ich in meinem (Er-)Eifer(-n) ungenau war.

//xkcd.com/386/

(CC) BY-NC 2.5 Randall Munroe; http://xkcd.com/386/

Sobald die Gegenseite mir dieses X oder Y unter die Nase reibt, bin ich in der Defensive. In dem Moment ist mir das auch allzu sehr klar und bewusst. Vor allem ist mir dann auch dieser Punkt bewusst: Wenn ich hier nachgebe, kann sein, dass die Gegenseite „Oberwasser“ bekommt und dann auch gleich das Kind mit dem Bade ausschüttet. Dann, ist mir, der ich in diesem Moment bereits unwissentlich Troll bin, außerdem bewusst, dass ich den ursprünglich gemachten Punkt nicht werde halten können — den, dass mir Unrecht getan worden ist. — Und das ist ja das, worum es mir dabei eigentlich geht: Dass jemand sagt „Ups. Du, das war keine Absicht. Tut mir leid.“ (Dass ich da auf diesem Weg nicht hinkomme, ist mir durch das Reflektieren jetzt auch klar; aber ich denke, dass es nützlich sein kann, die Situation/den Vorgang des Trollens vollständig zu analysieren.) ⇒ Das bringt mich also in eine Zwangslage: Ich muss den ursprünglichen Punkt um jeden Preis gewinnen, sonst wird mein ursprünglicher Punkt nicht ankommen — dass die Gegenseite mir Unrecht getan hat und sich dafür, bitteschön, bei mir entschuldige.

Ab diesem Moment dürfte der Diskurs bereits in einer Patt-Situation stehen: Der Troll muss seinen Punkt um jeden Preis machen, andernfalls, weiß er, wird er ihn auf keinen Fall machen. Der Gegenseite ist diese Situation, in der der Troll sich befindet, möglicherweise nicht klar. Der Gegenseite geht es möglicherweise primär darum, die Punkte wieder gerade zu stellen, die der Troll in seinem Eifer hinweggefegt hat. Der Troll dagegen kann diese Punkte nicht gelten lassen, selbst wenn er erkennt, dass er unrecht hat.

Der Diskurs hat jetzt kaum noch mehr als zwei alternative finale Ergebnisse: Entweder der Troll verteidigt seine — auch ihm erkennbar — unhaltbare Position bis zuletzt. Dann wird die Gegenseite erklären, dass sie sich weigert, mit ihm zu diskutieren, da er jeder Einigung aus dem Weg geht, stetig neuie Positionen bezieht. — Oder der Troll knickt ein. Dann verliert er seinen ursprünglichen eigenen Punkt. Dritte Alternative könnte sein, dass der Troll seine Troll-Rolle verlässt und sagt, weswegen er ursprünglich so getobt hat, wo er sich unrecht behandelt gefühlt hat, und dass er sich seit dem Widerspruch der Gegenseite wie ein Troll benommen hat, weil er fürchtete, seinen eigenen Punkt — die Stelle, an der er sich unrecht behandelt fühlte, — dadurch zu verlieren.

Dadurch, denke ich, nimmt seine eigene Glaubwürdigkeit geradezu ruckartig wieder zu. Eine Entschuldigung für das Rumtrollen wäre natürlich das Tüpfelchen auf dem I.

Ich könnte mir vorstellen, dass ein solches sogar dazu beitragen könnte, dass die Gegenseite sich für das entschuldigt, was der (Ex-?)Troll als ungerecht empfunden hat.

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